Susanne

9. September 2014

Susanne hat wache blaue Augen. Sie ist für Marketing und Öffentlichkeitsarbeit bei Dialog im Dunkeln zuständig. Sie erzählt mir von der schon lange existierenden Idee einer Ausstellung im Dunkeln. Durch großen Zuspruch blieb das zunächst temporär angelegte Projekt seit 2000 in Hamburg und funktioniert nun als Franchise-unternehmen in 22 Ländern der Welt. Sinn ist nicht, das Leben eines blinden Menschen zu simulieren, da das weitaus komplexer und individueller ist, als in einer 90-minütigen Tour erfahrbar. Stattdessen soll die Erfahrung vermittelt werden, wie es ist, wenn ein bedeutender Sinn fehlt. Für über eine Millionen Besucher in Hamburg ist es ein Erlebnis, das Wissen über Erfahrung anstatt über Worte vermittelt. Dass das sehr eindrücklich sein kann, betont Susanne mit einer Anekdote von einer Freundin, die sich viele Jahre nach dem Ausstellungsbesuch noch an den Namen ihres Guides erinnern konnte. Die Guides sind blinde oder sehbehinderte Menschen, deren Beruf es ist durch die Ausstellung zu führen. Damit ist hier Menschen mit Behinderung ermöglicht, die ihnen eigenen Fähigkeiten in der Arbeit zu nutzen. Das Verhältnis wird umgekehrt. Sind in der sichtbaren Welt sehbehinderte Menschen mitunter auf Hilfe angewiesen, so sind es die Sehen- den, die in der Ausstellung einer Vertrauensperson bedürfen, die hilft.
Ich bin sehr begeistert von dem, was Susanne erzählt und gespannt auf meine eigene Erfahrung der Ausstellung. Ich verspreche mir viel von dem Fehlen der visuellen Wahrnehmung. Oft habe ich das Gefühl, das dauerhafte Sehen behindert meine anderen Sinne. Ich bin gespannt auf die völlige Dunkelheit.
Bevor es losgeht sehe ich die anderen Besucher meiner Führung. Zusammen sind wir acht, wir werden eingewiesen in die Benutzung des Langstocks und dann geht es los.
Susanne sagt, im Dunkeln gehe die Zeitwahrnehmung verloren. Eine Spielfilmlänge werden wir in der Dun- kelheit sein. Unser Guide Rudi hat eine bestimmte, etwas derbe Art zu sprechen. Es fällt mir schwer mich darauf einzulassen. Schon nach wenigen Minuten stresst mich die ungewohnte Situation ungemein. Es ist ein Durcheinander in der Gruppe, ein entweder schleichendes oder hastiges Vorankommen.Vor mir läuft eine Frau, die mich beständig mit Hinweisen vorwarnt wie: „Vorsicht Stufe“. Es ist gut gemeint, aber scheint mir fehl am Platz. Die Stimmung ist hysterisch. Es ist ermüdend. Außerdem ist die Dunkelheit nicht schwarz sondern von weißen, bewegten Flecken übersät, die meine Augen sich, vielleicht aus langer Weile, ausdenken. Am Ende in der Dunkelbar fängt mich die ruhige, freundliche Stimme des Kellners auf. In der abschließenden Fragerunde halte ich mich zurück. Mich ergreift eine stille Wut, denn es wird eher festgestellt als gefragt, wie
furchtbar es ist nicht sehen zu können. Beim Spagettiessen und beim Busfahren. „Ach wie furchtbar.“ Obwohl Rudi immer wieder sagt, dass alles möglich und Gewohnheitssache ist. „Ach, das muss schrecklich sein.“ Mich wundert, dass ich wütend bin und keine Empathie für die redenden Menschen empfinde. Ich frage mich, wie man so dumm sein kann, und erschrecke vor mir selbst. Meine eindrücklichste Erfahrung des Besuches von Dialog im Dunkeln mag wohl diese sein:Wenn ich nur die Stimmen von Menschen wahrnehme, kann ich die Menschen schlechter annehmen, wie sie sind und emphatisch sein. Plötzlich ist der Eindruck einer Person viel mehr auf den Inhalt und die Art und Weise der Äußerungen reduziert. Hätte ich die anderen Menschen in der Gruppe sehen können, wäre ich vermutlich nachsichtiger gewesen.

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