Hanna

9. September 2014

Hanna
 hat hellblau-graue Augen, mit ein wenig sonnengelb in der Mitte. (Beim Schreiben blättere ich vor zu dem Eintrag von Mareike und stelle fest, dass die beiden Frauen neben vielen anderen Gemeinsamkeiten auch sehr ähnliche Augen haben.)
Hanna hatte Spätschicht als Küchenchefin und lädt mich in ihrem Feierabend zu sich ins Nachbardorf ein. Schon auf dem Weg zu ihrem Haus erzählt sie mir von ihren Urlauben im Norden, dass in Norwegen besonderes Licht sei und auch in Skagen. Sie sagt das, noch ohne zu wissen, das letzteres mein Reiseziel ist.
Hanna reist ähnlich und doch anders als ich. Meist mit dem Auto, sich aber immer auf neue Wege einlassend. Hanna wurde vorher von Ingo Bescheid gegeben, dass ich zum Thema Licht reise und hat sich vorbereitend Gedanken gemacht. Ihre Anhaltspunkte stehen auf einem kleinen Zettel notiert, den ich zunächst abarbeite, wie sie es im Gespräch tat.
Hirse: Gegen Winterdepressionen hilft Hirse, das enthält Kiesel und wächst in Afrika, ist also ein sehr lichtstarkes Nahrungsmittel.
Pflanzen und Licht/Wärme:Verschiedene Pflanzen haben je einen Einflussfaktor, der für das Heranwachsen dominant ist, entweder ist es das Licht oder die Wärme, so entstehen jedes Jahr zeitlich unterschiedliche Blütenkombinationen in der Natur.

Kieselspritze: Kiesel mahlt man ganz fein und löst dann zwei Teelöffel davon in 200 Litern Wasser auf und rührt es lange, dann gibt man es als Dünger zur Erde.Was wie Hokuspokus klingt, wird plausibel, wenn die Blätter beim Hinzugeben des Düngers am Tage, durch die plötzliche, intensivierte Lichtintensität verbrennen. Kiesel reflektiert das Licht unzählige Male, so dass die Pflanze mehr davon bekommt.
Hühner:Wie entscheidend Licht für den Biorhythmus ist, zeigt sich bei Hühnern. Sie legen pro Tag ein Ei. Um die Eierproduktion effizienter zu machen, werden Ställe in einem schnelleren als dem natürlichen Rhythmus künstlich beleuchtet.Tag und Nacht werden verkürzt simuliert und so legen die Hühner drei Eier binnen 48 Stunden.
Hanna weiß eine Menge über Pflanzen und Licht durch ihre langjährige Arbeit auf einem Demeterhof. Sie erzählt von Muldebeeren, die nur in Norwegen wachsen. Sie sehen aus wie gelbe Erdbeeren und enthalten viel Vitamin C. Zum Wachsen brauchen sie ein halbes Jahr Licht und ein halbes Jahr Dunkelheit, deshalb gelang es bist heute nicht, diese Pflanze zu kultivieren. Die Beeren dürfen auch nur für den Eigenbedarf in der Na- tur gesammelt werden. Hanna schwärmt von Wanderungen mit Muldebeeren am Wegesrand.
Sie erzählt auch von Johannisbeeren und Johanniskraut, welche so heißen, weil sie zum Johannistag, der Sommersonnenwende, reif werden bzw. blühen.Von der Wirkung des Johanniskrauts durch das Wachsen und da- mit Aufnehmen von Licht in der hellsten Jahreszeit.
Sie erzählt von den Mittsommerfesten, die sie miterlebte. Dass in Schweden viel getanzt wird und in Dänemark Hexenpuppen verbrannt werden.
Hanna erweitert die Theorie von Manfred, dass an Orten, wo es draußen gleichmäßig hell ist, auch die Innenräume sehr hell beleuchtet werden und andersrum. Sie erzählt, dass sie wahrgenommen hat, dass an den Küsten nordischer Länder die Häuser oft weiß gestrichen sind, hell und freundlich wirken. Im Gegensatz zum Landesinneren in den Bergen, wo die Häuser eher dunkel und ganz aus Holz sind. Sie zeigt mir Urlaubs- fotos vom größten europäischen Gletscher in Norwegen. Das gefrorene Licht im Eis sieht interessant aus. Hanna erzählt mir die Geschichte zweier Bauern, die im selben Tal aber auf gegenüberliegenden Seiten wohnen; einer auf der Sonnenseite, einer auf der Schattenseite.Wir reden über die Sonnenseite des Lebens. Hanna hat viel erlebt, was Mareike wohl jetzt erleben mag. Beide jungen Mütter mit dem Idealismus sich durch Landwirtschaft selbst zu versorgen und etwas zu ändern, Netzwerke zu schaffen.Vielleicht gründet Mareike auch mal eine Waldorfschule, so wie es Hanna gemacht hat.
Als es kalt wird setzen wir uns nach drinnen, das schwindende Licht wird ergänzt durch mehrere Kerzen und Hanna holt Bildbände von Skagenmalern. Es ist schön, die Bilder anzusehen. Hanna weiß viel dazu und erzählt von persönlichen Erlebnissen, in denen sie einige Bildmotive in lebendigem Abbild in Skagen und Umgebung gesehen hat. Sie erzählt, dass die Maler mit großen Leinwänden am Strand standen und malten, für das Licht. Auch die Bilder die Innenräume zeigen, sind geprägt von besonderem Lichteinfall durch die Fenster, der oft Schattenfiguren an die Wände wirft Und erleuchteten Gesichter um den Weihnachtsbaum.
Wir reden auch über das Fehlen von Licht im Alltag. Ich erinnere mich an die Wintermonate meiner letzten Schuljahre, in denen ich oft schlecht gelaunt und öfter krank war. Ich bin im Dunkeln zur Schule gegangen und meist erst kurz vor Sonnenuntergang wieder aus der Schule gekommen. Und so ist es für viele Kinder. Die Tageszeit ist gefüllt mit Zeit in der Schule und Hausaufgaben im Hort oder Zuhause; dazu noch reizvolle Spielmöglichkeiten drinnen. Das Sonnenlicht, das so wichtig ist bei der Entwicklung, fehlt.
Hanna erzählt auch vom Meeresleuchten, was sie einmal gesehen und sogar in der Hand gehalten hat. Es ist sehr selten. So etwas erlebt man nur einmal im Leben, sagt sie.
Außerdem reden wir über die fehlende Sonnenenergie in Gewächshausgemüse und über unreif geerntetes Obst. Insgesamt gibt es viel zu erzählen und auch eine Menge über mein Thema. Zuletzt fällt mir die Geschichte vom Igel und vom Eichhörnchen ein. Letzteres sammelt eifrig Nahrungsvorrat für den Winter, während der Igel faul in der Sonne sitzt. Er sammelt Sonnenstrahlen für den Winter.

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