Lene

9. September 2014

Lene hat blaue Augen, deren Farbverläufe ins Helle sehr sanft sind. Sie begrüßt mich bereits vom Fenster ihrer Wohnung im ersten Stock aus.Als wir uns dann gegenüberstehen gibt sie mir zweimal die Hand, so wie sie mich zum Abschied auch zweimal umarmt. Sie trägt blass rosafarbene Kleidung und Blumen im Haar. Der Tisch ist schon gedeckt. Ich frage sie, wie sie zu ihrem Thema, den Farben, gekommen ist. Sie antwortet mir mit einer Geschichte aus ihrer Kindheit.Als sie ihr erstes Fahrrad bekommen sollte, hatte sie sich ein Magentafarbenes ausgesucht, dass wollte sie um jeden Preis. Ihre Eltern versuchten lange sie zu einem dunkelblauen, unauffälligeren Modell zu überreden, doch sie blieb felsenfest der Meinung: das Fahrrad in magenta oder keins.
Lene beklagt sich, dass es in ihrem Architekturstudium um viele Dinge ging, aber nicht um Farben. Sie begann sich selbst eine Sammlung von Artikeln über Farben und deren Wirkung anzulegen. Die Sammlung holte sie später, als sie krankheitsbedingt ihre Arbeit verlor, wieder hervor und begann sich eingehender damit zu beschäftigen. Sie betrachtet Farben lang und spricht auch mit ihnen, um ihre Bedeutung zu erfahren, vertraut sie mir an.
Lene hat ein Buch verfasst, dass auf Farben und ihre Schattierungen konkreter eingeht als vorangegangene Literatur, die oftmals einer Farbe wie rot, verschiedene, auch gegensätzliche Wirkungen zuschrieb. Ihr Buch ist mit Naturfotos illustriert, welche die Schattierungen einer Farbe sehr gut wiedergeben.
Sie erzählt mir, dass Schwarz nur 10% des Lichts reflektiert und die restliche Lichtenergie in Wärme umsetzt.Wohingegen Weiß 90% des Lichts reflektiert. Das ist auch eine Ursache dafür, dass es in Städten oft wärmer ist als auf dem Land, da Asphalt und Fassaden Wärme abgeben.
Lene zeigt mir ihr Arbeitszimmer, das einer Farbspezialistin. Dort gibt es unzählige Farben gesammelt, gedruckt auf Papier unterschiedlicher Größe oder selbst gemalt auf Tapete. Das Malen hat sechs Jahre in An- spruch genommen und einen starken emotionalen Einfluss auf sie gehabt, sagt sie. Des Weiteren gibt es farbige Stoffe. Lene verwendet diese, um mit geschlossenen Augen Farben spüren zu lernen.
Ich frage Lene nach der Bedeutung von Kunstlicht und sie zeigt mir einen kleinen, weißen Kasten, der an einer Seite offen ist. Darin demonstriert sie Kunden die Wirkung von Farben unter dem Einfluss von unterschiedlichen künstlichen Lichtquellen. Halogenlampen sind dem Tageslicht am ähnlichsten.Wie gravierend der Unterschied der Farbwirkung sein kann, zeigt mir Lene ganz simpel. In dem vorher durch Tageslicht erhellten Raum knipst sie eine Schreibtischlampe an und richtet sie auf die vorher hellblau scheinende Wand. Die Wand scheint nun gelbweiß. Es ist so einfach wie erkenntnisreich.

lenetag23
Lene zeigt mir Brillen mit denen man sein eigenes kleines Regenbogenpanorama erlebt. Zuerst fällt mir die gelbe Brille in die Hände und ich spüre, dass das immer noch die Farbe ist, die sich am besten für mich anfühlt. Ich erzähle, dass ich mit violett nie etwas anfangen konnte. Das sei normal bei jungen Menschen, sagt Lene.Violett stehe für Spiritualität, die man meist erst später im Leben für sich entdeckt.Ich spreche Lene auf Aurafarben an und sie zeigt mir verschiedene Fotoaufnahmen von sich, aufgenommen mit einer Aurakamera. Sie versucht mir die Bedeutungen der verschwommen zu sehenden Farben zu erklären. Lene spricht von Goethes Schriften über Farben, die zu seiner Lebzeit verachtet worden sind, und davon, dass die Zeiten sich ändern und Menschen andere Werte als Geld und Besitz für sich entdecken. Ich habe das Gefühl auf meiner Reise einige natürliche Werte für mich entdeckt zu haben: Luft, Liebe, Licht.
Zuletzt frage ich Lene, was sie mir als Erkenntnis in wenigen Worten mit auf den Weg geben kann. Sie sagt es gehe für sie um das Wahrnehmen und Erleben von Farben, um das Sicheinlassen. Sie beschäftigt sich inzwischen seit 40 Jahren mit dem Thema und es gibt für sie immer noch viel zu entdecken.

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