Kätte

9. September 2014

Kätte hat blaue Augen und ich überlege erstmals mit dem Notieren der Augenfarbe in Dänemark aufzuhören, bis ich in dem Blau vereinzelt braune Sprenkel sehe. Schön.
Kätte lebt in einer Wohnung im Dachgeschoss, die Fenster in alle Himmelsrichtungen hat.
Sie hat lange Zeit Seminare über Licht an der Architekturhochschule in Aarhus gegeben, jeweils vierzehntägig im Januar und auf freiwilliger Basis. Januar wäre von der Stimmung her wirklich nicht die beste Zeit, sagt sie, aber es war nicht anders möglich. Das zeigt eigentlich schon gut, wie wenig Wert auf Licht in der Archi- tekturausbildung gelegt wird. Licht gilt immer noch als etwas, dass den Elektroingenieuren überlassen wird. Das lässt die durchdachte Nutzung des Tageslichtes aber außen vor. In den letzten Jahren hat sich aber in neuerer Architektur etwas getan, damit gerade Tageslicht bewusster geplant und eingesetzt wird. Es wurde das Netzwerk LYSnET und die Bildungsseite lysviden.dk ins Leben gerufen.Auch der Lichtthementag mit zahlreichenVorlesungen an der Hochschule hat sich etabliert.Außerdem wurde ein Preis für Master-studenten ausgeschrieben, der besondere Arbeiten mit Licht auszeichnen soll – allerdings wurde dieser bisher noch nicht vergeben. Kätte zuckt mit den Schultern, ihre Studenten haben noch nicht das Bewusstsein für das Einsetzen von Licht erlangt. Früher war das anders. Da wurden Fenster auch kreiert um einen gerahm- ten Ausblick zu schaffen. Danach folgte eine Zeit in der alles, egal ob im Norden oder im Süden, gleich gebaut wurde. Darüber schüttelt Kätte den Kopf. Sie meint es ist notwendig in der Architektur auf geografische Eigenheiten einzugehen, mit dem Tageslicht und dessen Veränderung zu planen.
Kätte hat morgens Sonnenlicht im Schlafzimmer, tagsüber in der Küche und in ihrem Arbeitszimmer und abends im Wohnzimmer. Das klingt ideal.
Als ich sie frage, wie sie zu ihrem Interesse am Licht kam, erzählt sie wie Lene eine Geschichte aus ihrer Kindheit. Sie war noch sehr klein, deshalb ist sie unsicher, ob sie es erzählt bekommen hat oder die Bilder aus ihrem eigenen Erinnerungsvermögen stammen.
Sie war mit ihren älteren Geschwistern und dem Kindermädchen im Wald und schlief auf einem Baum: Als sie aufwacht erlebt sie das Licht, dass durch die Bäume fällt und mit den Schatten spielt. Nachdem sie von dem Moment erzählt hat, überlegt Kätte kurz und fügt dann an, dass ihr so ein starker, visueller Eindruck von niemandem erzählt sein kann, es also wohl ihre eigene Erinnerung ist.
Ein japanischer Künstler erzählte Kätte mal, dass in Japan Schatten für spannender als das Licht gehalten werden, da sie die Geschichte des Lichts erzählen. Sie erzählt von dünnen Papierwänden, durch die man Sil- houetten sehen kann und ich erinnere mich, dass die Wurzeln des Schattentheaters auch aus Asien kommen. Auch bei Kätte finde ich wieder was Manfred mir schon über die Lichtindustrie heute gesagt hat. Momentan gibt es dort drei Arbeitsfelder: Effizienz, Nachhaltigkeit und Gesundheit. Gerade der letzte Punkt hat in den vergangenen Jahren viel in Bewegung gebracht, sagt Kätte.
Sie zeigt mir ein Video in dem Licht und Farbe als Hauptfunktionen eines neuartigen Spielplatzes zum Tragen kommen.Auch Otto hatte mir schon von einer Art kleinem Lichtspielplatz in Kolding erzählt und angefügt, dass es auch als Erwachsener Spaß macht, damit zu spielen.
Dass Licht ganz natürlich Spiel und Entdeckung sein kann, merke ich bei Kätte, die sich oft entschuldigt, dass das Küchenfenster kaputt ist. Sie würde mir gerne zeigen, was man mit der Reflexionen des Lichts im Fenster für Bilder auf die Wand projizieren kann.Was sie mir aber zeigen kann ist ihre Art von Camera Obscura in der Wohnung. Der kleine Empfangsraum kann durch das Schließen aller Türen komplett verdunkelt werden, so dass nur noch durch das Schlüsselloch zum Wohnzimmer Licht hereinfällt. Dieses lässt dann auf Kopf gestellt, die Fensterfront des Wohnzimmers in Silhouettenform auf der Wand sichtbar werden.
Kätte bestätigt, dass Licht und das Wissen darüber viel mit Beobachtung zu tun haben. Oft sind es simple Erkenntnisse, die man aber zunächst für sich selbst entdecken muss.

Mit Kätte rede ich auch über das Aros, dem großen Kunstmuseum in Aarhus. Kätte hatte mir vor allem das Kellergeschoss ans Herz gelegt, in dem neun Künstler je einen Raum gestaltet haben, und so verschiedene Werke von Licht- und Videokunst zu sehen sind.
Der wohl kleinste Raum war von Mariko Mori. Die Wände waren schwarz und in der Mitte stand ein unförmiges Objekt, hoch und flach und etwas oval, größer als ein Mensch. Es war aus matt weißem Material und es leuchtete in Abständen an unterschiedlichen Flecken auf. Die Dauer des Aufleuchtens und Verblassen des Lichts war immer gleich. Nur die Abstände unregelmäßig. Manchmal leuchtete die Säule auch an mehreren Punkten gleichzeitig und war darauf wieder für eine Weile dunkel. Ohne zu wissen warum, war ich fasziniert. Als ich dann den erklärenden Text las, hat es mich noch so viel mehr beeindruckt. Der Titel des Raumes ist TomNa H-Lu. Das ist Keltisch und beschreibt einen imaginären Raum, wo die Seelen nach dem Tod sind, bevor sie wieder geboren werden. Das leuchtende Objekt war verbunden mit einem Computer in Japan, der erfasst, wenn ein Stern im Universum vergeht. Jedes Aufleuchten in dem Raum bedeutete also das Vergehen eines Sterns im Universum. Das Aufleuchten und dann Erlöschen eines großen Lichts transportiert in einen kleinen, dunklen Kellerraum.

arostag23
Die folgenden drei Werke sind von dem dänisch-isländischen Künstler Olafur Eliasson.
Seine Arbeit war auch eine Inspiration dafür, meine Reise zum Licht zu machen. Im Januar besuchte ich eine Ausstellung von ihm und war beeindruckt von der Einfachheit seiner Werke, deren Erfahrungswert enorm ist.Als ich dann vom Rainbowpanorama auf dem Dach des Aros erfuhr, wusste ich, wo mich meine Reiseroute auf jeden Fall hinführen sollte. Schon im Keller finde ich die ersten Werke von Eliasson. Einen Raum mit kleinen Fenstern in andere Räume, die winzig sind aber unendlich erscheinen durch Wände aus Spiegeln. In jedem dieser kleinen quadratischen Räume hängt eine Lichtquelle, die sich unzählige Male vervielfacht und damit auch mehr Licht gibt. Es ist so simpel und doch kann man viel Zeit damit verbringen die Räume zu erforschen und auch seine eigenen Spiegelbilder darin wiederzufinden.
In der temporären Ausstellung „Out of Darkness“ gibt es eine weitere Rauminstallation von Eliasson, von der ich schon viel hörte: Your atmospheric colour atlas. Ein Raum, schwierig zu sagen, wie groß, da man ihn nie in seiner Gänze sieht, weil er gefüllt ist mit Nebel. An der Decke sind verschiedenfarbige Lichtquellen angebracht. Die Sichtweite beschränkt sich auf einen Meter, so dass man beim Betreten des Raumes nur Farbe sieht, sonst nichts. Es ist verwirrend für die Augen, da sie nichts fokussieren können, dafür ist das Erleben im Kopf umso intensiver. Da ist einfach nur die eine visuelle Information in Form einer Farbe, die man aufnehmen kann, sonst nichts. Bewegt man sich ein Stück verändert sich die Farbe. Es ist so einnehmend und gibt gleichzeitig so ein gutes, klares Gefühl, dass ich mir wünsche, diesen Raum noch öfter erfahren zu können. Dabei ist es nur Licht und Nebel.
Und oben auf dem Dach, das Rainbowpanorama, ist doch nur farbiges Glas, aneinandergereiht in der Reihenfolge eines Regenbogenverlaufs. Und doch ist es sehr prägend. Der Teil der Stadt, den man durch die blauen Fenster sieht wirkt trist und kalt. Der vor den gelben Fenster freundlich und idyllisch. Auch hier könnte ich viel Zeit verbringen; denn auch wenn sich die Augen schnell an das farbige Licht anpassen, bleibt als Wirkung ein Gefühl zu jeder Farbe.

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