Jakob

9. September 2014

Jakob
 arbeitet für das Kunstmuseum in Skagen. Er begrüßt mich in der Stadt und noch bevor ich mir selbst ein Bild von dem Licht dort machen kann, klärt Jakob mich auf: Es ist nur ein gut funktionierende Mythos. Wissenschaftlich lässt sich das besondere Licht nicht belegen, aber es gibt verschiedene Erklärungsmöglichkeiten. Durch die Meere an beiden Seiten und die vielen Strände, die die Stadt umgeben, wird das Licht stärker reflektiert.Auch die Brechung des Lichts kann durchaus anders sein, durch das Aufeinandertreffen der beiden Meere. Dadurch dass die Stadt schon sehr nördlich liegt, ist es einfach länger hell im Sommer. Das Tageslicht und die blaue Stunde im Sommer können durchaus bei den Künstlern beliebt gewesen sein.
Dennoch war das Licht nicht der ausschlaggebende Grund für Künstler zum Ende des 18. Jahrhunderts nach Skagen zu kommen. Jakob sagt, dass aus Briefen der Künstler hervorgeht, dass vor allem die Modelle in Ska- gen günstiger waren und es ein guter Ort zum Rebellieren gegen die in Dänemark etablierte Kunst war – denn es war der Ort am weitesten entfernt von der königlichen Kunstakademie in Kopenhagen. Dort wurde zur Schaffenszeit der Skagenmaler viel stilisiert und heroische Vorbilder in Gemälden wurden produziert. Die Skagenmaler interessierten sich eher für das Alltägliche und einfache Menschen. Licht spielt in ihren Bildern eine große Rolle. Draußen am Strand, das Glitzern auf dem Wasser, und auch drinnen, Sonnenlicht, das durch die Fenster fällt. Und da ist Hedda zu verstehen, die sagt, mit manchen Bildern im Museum habe sie sich verbunden gefühlt, sich wiedergefunden in Momentaufnahmen, durch die vertraute Lichtstimmung.
Das stimmt, es ist zeitlos und nah am persönlichen Erleben. Ich bin beeindruckt von den ausgewählten Farben, in denen Momente, so lang vergangen, dass man sie mit schwarz-weiß assoziiert, lebendig und nah scheinen. Laurits Tuxen, ein etwas weniger bekannter Skagenmaler dem 2014 eine Sonderausstellung im Skagens Museum gewidmet ist, wird in der Ausstellung mit den eingängigen Worten zitiert:
„Hier bin ich in meinem Element. Hier gibt es Farbe und Licht. Alles was ein Künstler zum Leben braucht.“ Alle Bilder im Skagens Museum sind in alte, schwere Goldrahmen gefasst. Sie scheinen und heben die Bilder, ganz unabhängig von ihrer eigentlichen Farbgebung, dunkel oder hell, hervor, machen sie besonders.
Zwei anzufügende Details zum Licht in Skagen: Die Dachgiebel fast aller Häuser im Ort sind weiß. Zum einen, weil sie zum Schutz vor Wind von Zement zusammengehalten werden, zum anderen könnten sie den Fischern zur Orientierung gedient haben, die draußen auf dem Meer in der Ferne ihre Heimat etwas leuchten sahen.Außerdem sehe ich im Ort lauter weiße Gartenzäune, die das Erscheinungsbild auch deutlich auf- hellen. Man kann durch die Stadt spazierend schon das Gefühl bekommen, dass das Licht hier irgendwie nä- her ist.

Jakob erzählt mir von seiner Frau, die in London lebte bevor sie hierher kam. Sie war sehr fasziniert. Beim Autofahren schaute sie ständig aus dem Fenster und staunte über den Himmel. Sie machte über ein Jahr lang eine Fotoporträtserie draußen, in der sie viel mit Licht arbeitete. Es ist beeindruckend wie facettenreich sie die Natur eingefangen hat. Sie hat auch das Festival Bunkerlove mitinitiiert, bei dem Künstler im Sommer die Bunkerruinen an der Küste gestalten. Jakob erzählt davon, dass seine Frau im letzten Jahr das Innenleben eines Bunkers in einen Garten verwandelt hat, mit unzähligen Blumen und sogar einem Teich mit Fröschen. Jakob ist begeistert: „Und plötzlich war da Licht in dem Bunker, der vorher komplett finster schien.Allein durch die Blumen.“ Es klingt unglaublich, aber ich glaube daran. Licht braucht Fläche um zu reflektieren
– zu leuchten.

sonjaundarnetag32

Davon gibt es bei Sonja und Arne zu Hause viel. Es ist wieder ein ganz weißes Haus. Unzählige helle Dinge und auch viel Glas füllen es.Auch der Garten erscheint mir lichtgeflutet.
Es ist unnötig zu versuchen die Schönheit zu erklären. Am Anfang versuche ich ein paar Mal Sonja einige der Lichtspiele, die durch das Glas und das Licht im Haus entstehen, zu zeigen. Für sie ist es so normal wie ein Regenbogen in Irland. Und doch verzaubert es das Haus.
Sonja zeigt mir ihre Bilder und erklärt sie mit sehr wenigen Worten wie „Natur“, „Ballett“, „Tiere“. Sie zeigt auf einige Bilder, die weiß gekleidete Frauen abbilden und sagt: „Skagen“.
Auch ich trage in diesen Tagen ausschließlich mein weißes Kleid. Ich kann nicht anders.
Mit Sonja und Arne und tausenden weiteren Menschen feiere ich Sankt Hans, das Mittsommerfest in Däne- mark. Es ist wohl das schönste Fest, was ich jemals mit so vielen Menschen zusammen gefeiert habe.
Ich bin beeindruckt davon, dass all die Menschen so friedlich und froh zusammen kommen und gemeinsam singen und das Feuer anschauen. Und trotz der großen Ansammlung von Menschen ist keine Spur von Kom- merz sichtbar.Allein ein kleiner Stand verteilt Liedtexte und Getränke und das ohne jede Spur vonWerbung. So etwas habe ich in Deutschland noch nicht erlebt. Diese besondere Art und Weise des Zusammenseins berührt mich.
sonjaundarnetag35

Das Sankt-Hans-Feuer ist das beeindruckendste Feuer meiner Reise. Es ist riesig und auf der Spitze wird eine Hexenpuppe verbrannt.
Einen für mich nachvollziehbareren Brauch erlebe ich mit, als einige Schüler mit Matrosenmützen, die gerade ihren Abschluss bestanden haben unter Jubeln ihre Unterrichtsmitschriften ins Feuer werfen. Einige Blätter werden hochgewirbelt und verglimmen ins Nichts des blauen Abendhimmels.
Am letzten Abend in Skagen mache ich mich auf um einen vorerst letzten Sonnenuntergang am Meer anzuschauen. Auf dem Weg am Strand entlang fällt mir zum ersten Mal auf meiner Reise mein Schatten auf. Ich sehe ihn plötzlich als Teil von mir, als ständigen Begleiter meiner Reise, den ich vorher nicht bemerkt habe. Es kommt mir seltsam vor eine so weite Strecke zurückgelegt zu haben, ohne meinen Schatten wirklich zu sehen. Ich denke an das Sprichwort: „Über seinen Schatten springen“. Nun, zum einen ist es physikalisch nicht möglich, zum anderen würde ich es in dem Sinne gar nicht wollen, meinen Schatten zurückzulassen. Obwohl ich gerade in den letzten Tagen zuvor meine Schattenseiten und Schwäche deutlich wahrgenommen habe und obwohl ich mich auf dieser Reise verändert haben mag, mir klarer ist, wie ich mein Leben gestal- ten möchte: ich glaube trotzdem nicht daran, dass ich jemals meinen Schatten, meine darin erkannten Schwächen zurücklassen kann. Sie sind Teil von mir und werden mich auch weiterhin begleiten.
Ich kann lediglich meinen Umgang damit verändern, Schwächen annehmen und sie vielleicht auch nutzen. Der Schatten erzählt die Geschichte des Lichts.
Ich schaue mir den Sonnenuntergang mit vielen anderen Menschen an.Als die Sonne ganz verschwunden ist gibt es einen kurzen stillen Moment. Dann Applaus. Ich denke, es ist an diesem Ort Tradition und auch lustig, aber es kann ebenso als Wertschätzung gesehen werden und das ist schön. Auf dem Weg zurück nach Hause bin ich sehr gut gelaunt, laufe und tanze. Ich höre seit langem mal wieder die Musik von café jazz und entde- cke eine Wurzel meiner Frage nach dem Hellsten Moment in der Textzeile
„Helligkeit erfüllt diesen Moment“.
Ich stehe auf den Dünen zum Meer und als ich mich umdrehe: Lichter. Ich sehe drei Leuchttürme an der Küste. In jeder Himmelsrichtung einen, Osten, Norden,Westen. Nur dort wo ich stehe keiner.
„… hier unten leuchten wir.“
Und ich glaube „wir“ ist in dem Moment ich und all das gesammelte Licht, das ich in mir trage.

IMG_5415

Go top